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  • Johanna

Kleshas: Innere Hindernisse des Menschen

Hast Du schon einmal erlebt, wie Deine Gefühle Dich in einer bestimmten Situation komplett überrennen und Du innerlich blind und taub einfach nur reagierst, ohne reflektieren, schauen oder Dich besinnen zu können? Das Ego schreit, Du empfindest starkes Verlangen, heftige Abneigung, bist verwirrt oder voller Angst. Diese Aspekte nennt die yogische Philosophie nach Patanjali, die Kleshas. Innere Hindernisse des Menschen, die Leid erzeugen. Wie sie sich äußern und wie Du damit umgehen und sie auch immer wieder auflösen kannst, möchte ich Dir in diesem Artikel Nahe bringen.



KLESHAS: Innere Hindernisse

Die Kleshas sind innere Hindernisse und Missverständnisse, die im Menschen Leid erzeugen. Es handelt sich dabei um Neigungen und Strukturen des Geistes, die die menschliche Wahrnehmung, sowie darauf folgende Handlungsweisen beeinflussen und die Eigenschaft besitzen Situationen zu fördern, die leidvolles Erleben nach sich ziehen.


Nach dem Prinzip des Yoga ist der Mensch ein Wesen, welches seine Realität durch den ihm gegebenen Geist und Verstand erschaffen kann. Die inneren Hindernisse - die Kleshas – sind angeboren und bei jedem Menschen vorhanden.

Leid ist ein dauerhaft existenter und realer Faktor in unserer Welt und wird es immer bleiben. Die (in der Regel temporäre) Auflösung von Leid beginnt im Gewahrwerden des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns, sowie der Betrachtung von Situationen mithilfe von Übung in Achtsamkeit und Konzentration, Atemführung und das zielgerichtete besänftigen der Sinne. Die reine Beobachtung im Umgang mit Anderen (Yama) und sich selbst (Niyama) fördert die Gewahrwerdung und kann damit eine Verhaltensänderung mit sich bringen, die schlussendlich in Minimierung oder (tempörärer) Auflösung von individuell empfundenem Leid erzeugen kann.


AVIDYA: Verwechslung

Die erste der Kleshas wird als die Mutter der inneren Hindernisse bezeichnet, da sie die Grundlage bildet für alle weiteren Kleshas. Es ist die Verwechslung, die der vermeintlichen Realität Platz macht und den Menschen in Verwirrungen und Verirrungen verleitet, die nur schwer auseinanderzuhalten sind von dem eigentlich Geschehenen.


Avidya bringt die Eigenschaft mit sich, eine irrgeleitete Erkenntnis aus Situationen hervorzubringen. Eine Betrachtung von Gefühlen, Gedanken und Geschehnissen aus einer inneren Klarheit heraus ist – in diesem Klesha gefangen – kaum möglich, da eben Gefühle, Gedanken in Geschehnissen die Oberhand gewinnen und sich selbst kontrollfrei entfalten können.


Auf den Punkt gebracht: Situation > Gefühl > Interpretation > Schlussfolgerung > Reaktion > Muster > Verlust von Klarheit in ähnlichen Situationen > Folge ist Wiederholung von Muster in ähnlichen Situation, aufgrund von u.a. Gefühlsgedächtnis und einer verirrten Wahrnehmung.

ASMITA: ICH-Identifikation

Ein jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens ein Bild von sich – seiner eigenen Persönlichkeit, wie er ist und was er zu sein vermag. An dieser Stelle greift die ICH-Identifikation und kann in übertriebener oder untertriebener Bewertung der eigenen Persönlichkeit zu dem Leid erzeugenden zweiten Klesha – Asmita – führen.


Durch die absolute Identifikation mit dem eigenen ICH, wird in Asmita das Handeln, Fühlen und Denken vom eigenen Ego beherrscht und bezieht das Verhalten Anderer durchgängig auf sich selbst.


Ist das Ego übersteigert, so äußert sich Asmita in Hochmut, Selbstbezogenheit, egozentrischem Verhalten und Besessenheit danach, besser zu sein als Andere. In der gegenteiligen Ausprägung, nämlich in einem unterworfenem Ego kippt die Selbstwahrnehmung in Minderwertigkeitskomplexe und Selbstmitleid, die eine solche Qual erzeugt, dass „das Schlimme“ nur einem Selbst immer widerfährt.

Der Grund auf dem beide Extreme ihren Nährboden finden ist die Verwechslung des unsterblichen Wesenskerns (dem von mir genannten Seelenselbst) mit der unbeständigen Persönlichkeit.

RAGA: Verlangen

Das dritte Klesha bezeichnet das blinde Verlangen, die blinde Gier etwas oder jemanden zu besitzen, unabhängig davon, ob es für den Menschen ein wahres Grundbedürfnis bedeutet oder nicht. Es besteht der Irrglaube, nur dies oder jenes könne einen glücklich machen.


Häufig ist hier die Verhaftung in der materiellen Welt ausschlaggebend, sodass Konsum als Ersatzbefriedigung praktiziert wird, vielleicht ein Suchtverhalten einherkommt um die eigentliche, im Kern sitzende Sehnsucht zu betäuben und/oder die Jagd nach dem immer „Besseren“. Wenn ich das Haus, den Partner, den Job, das Auto habe, dann bin ich glücklich. Hat man dies erreicht, wird nach links und rechts geschaut und stellt fest, Andere haben vielleicht ein größeres Haus, ein schnelleres Auto, den lukrativeren Job, den attraktiveren Partner und Raga dreht seine Runden im Teufelskreis.


Schlussfolgernd führt Raga zu Mangelbewusstsein, Unruhe, Unzufriedenheit und dauerhafter Jagd – alles Empfindungen, die sich im Grunde auf der Suche nach innerer Fülle tarnen.

DVESHA: Abneigung

Dvesha bildet den Gegenpol zu Raga. Statt in Verlangen zu vergehen, fällt der Mensch in den tiefen Abgrund der blinden Abneigung, in Hass oder Vorurteile, ganz unabhängig von der eigentlichen Begebenheit. Das vierte Klesha beruht auf der Annahme etwas oder jemand macht mich unglücklich.


Eine natürliche Reaktion auf Abneigung kann demzufolge Flucht - oder Vermeidungsverhalten sein oder gar in Gewalt auf physischer oder psychischer Ebene ausarten. Der von Dvesha befangene Mensch übt sich in Abschottung oder Einengung, Negativismus, Neurosen und schwimmt in leidvollen Gefühlen des sich eben auch abgelehnt Fühlens und nicht nur der Ablehnung gegenüber Anderem oder Etwas.

ABHINIVESHA: Angst

Jedes Wesen wird im Laufe seines Lebens den Tod finden. Leben und Tod sind untrennbar miteinander verbunden und während die meisten Menschen sich des Lebens erfreuen, haben sie gleichermaßen eine tief sitzende Angst vor dem Tod. Und dass trotz oder gerade aufgrund der Unwissenheit, was sie nach dem Leben erwartet. Die Angst vor dem Tod ist die traditionelle Auslegung des fünften Kleshas Abhinivesha.


Angst jedoch hat die Fähigkeit zu wachsen, sich zu verwandeln und die ursprüngliche Angst vor dem Tod, in Ängsten von rationaler oder irrationaler Art sich zu tarnen. So treibt die rationale Angst die Menschen weg vom Tod, da sie den Überlebenswillen in den Fokus stellt und dieses sichert. Irrationale Angst ist eine Folge immer weiter währender Verhüllung der eigentlichen Todesangst, und so zeigt sie sich in Situationen, die nicht das Überleben sichern, sondern vielleicht eher das eigene Ansehen oder Ähnliches. Diese Angst hat die Fähigkeit ohne Grund und ohne Zutun eines Objektes oder Subjektes aufzutauchen und lässt sich gerne von seinem Wirt und äußeren Umständen füttern, was in selbsterfüllenden Prophezeiungen münden kann.


Umgang mit den Kleshas - Wege zur temporären Auflösung

Wir haben also so einige Hindernisse (Kleshas) in unserer Existenz als Mensch von Natur aus mitbekommen. Doch was nun? Was damit tun? Ja, man kann sich ein jedem Hindernis hingeben und es Besitz von einem ergreifen lassen. Man kann allerdings auch die Kleshas als Erfahrungs- und Beobachtungsprozess erkennen, durch die man wachsen und sich entwickeln kann. Immer wieder. Denn eine vollkommene und dauerhafte Auflösung jeden Hindernisses ist schwerlich utopisch. Und sehr wahrscheinlich reichen sie sich hin und wieder die Hand zum Tanz und wechseln sich immer wieder ab. So ist das Leben, so sind wir Menschen. Versuche dies wohlwollend anzunehmen. Zudem können sie einem einen reichen Erfahrungsschatz bieten, die zur Entwicklung des Seelenselbst beitragen können.


(Selbst-) Beobachtung & Gewahrwerdung

Wie bereits an früherer Stelle erwähnt, ist der Mensch auch ein geistiges Wesen. Dieser unser menschliche Geist ist dazu in der Lage unsere Welt zu formen. In Kürze: Dein Geist beeinflusst Deine Handlung, die Handlung beeinflusst Dein Gefühl und ebenso umgekehrt möglich. Schlussfolgernd entscheidet somit auch immer wieder Deine innere Haltung über Dein Wohlbefinden. Ein wesentlicher Bestandteil sich dem eigenen Wohlbefinden zu nähern ist die Selbstbeobachtung und das Gewahrwerden der eigenen Gedanken, Interpretationen, Reaktionen, Gefühlen und Handlungen. Wie werde ich mir darüber bewusst?


Versuche innerlich einen Schritt zurückzutreten und in die Beobachtung der Situation zu gehen, die Dir Schwierigkeiten bereitet und werde Dir bewusst darüber, was in dem Augenblick tatsächlich geschieht. Übe Dich darin zu unterscheiden zwischen der Situation und Deiner Reaktion, hinterfrage Deine Reaktion und schaue Dir die Tatsachen an, sowie Deine daraus resultierende Interpretation. Spüre infolgedessen in Dich hinein, welches Gefühl sich in dieser Situation in Dir ausgebreitet hat und welches eigentliche, tief sitzende Grundbedürfnis sich dahinter verbirgt. Genau an dieser Stelle kannst Du nämlich aktiv werden, indem Du Dir auf wertschätzende Weise selbst begegnest und versuchst Dir dieses Bedürfnis zu erfüllen. Vielleicht benötigst Du jedoch auch Hilfe, dann versuche Deinen Wunsch oder Deine Bitte liebevoll an einen Dir vertrauten Menschen zu äußern, ohne in Erwartungshaltung zu gehen. Denn manchmal ist die Zeit noch nicht gekommen für eine Bedürfniserfüllung. So gebe Dich dem Thema hin und lasse es reifen. Dabei kann Dir beispielsweise Meditation eine Hilfe sein, um Dir zunächst einen Überblick zu verschaffen. Ohne Bewertung, ohne Aktivität - nur schauen, wahrnehmen und sich verbinden mit dem was da sich zeigen mag.


Außerdem im Alltag: Übe Dich in Hingabe und dem Genießen der Aspekte in Deinem Leben, die wohltuend sind für Dich und Dir womöglich auch Momente des Friedens schenken. Ihnen kannst Du Deine Aufmerksamkeit widmen und darauf Deinen Fokus ausrichten im Leben.

Versuche zudem Trägheit zu überwinden und aktiv in die Gestaltung der Punkte in Deinem Leben zu kommen, die Du mit Selbstwirksamkeit angehen kannst. Das bedarf nicht selten Geduld - sei auch hier liebevoll und wertschätzend Dir selbst gegenüber, wenn die von Dir gewünschte Veränderung eine Weile braucht, um Wirkung zu zeigen.

Bei alledem, sei und bleibe achtsam mit Dir und Deiner Umgebung und tariere für Dich die Waage aus. Sobald Du eine Balance empfindest oder beispielsweise eine Angst sich zur lebenssichernden Weise zeigt, ist das in Ordnung. Es muss nicht alles weggemacht und darf eben auch angeschaut werden. Das ergibt meistens schon alles seinen eigenen Sinn, der sich möglicherweise erst viel später zeigt. Vielleicht sind das alles auch Hinweise, um einen Veränderungsprozess anzustoßen.


Dennoch: Selbstverständlich ist all das kein Garant für Dein Wohlbefinden oder die Auflösung Deines Leids. Schon garnicht auf Dauer. Was nämlich sicher ist, ist die Veränderung und so wirst auch Du Dich immer wieder neuen Herausforderungen ausgesetzt fühlen, die immer wieder der Achtsamkeit und der neuen Beobachtung bedürfen.

Aus Erfahrung kann ich jedoch berichten, dass die aufgezeigten Wege durchaus immer wieder Prozesse von Erkenntnis, Entwicklung und Wachstum anregen können.

Ich wünsche Dir dynamische und liebevolle Prozesse voller Wertschätzung Dir selbst, Deinen Mitmenschen und Deiner Umwelt gegenüber.


Hari Om


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